Wissen und Macht

Erstellt von Louis Göttertz | |   Soziologie

„Die Macht ist nicht begriffen in der Alternative: Gewalt oder Ideologie. Tatsächlich ist jeder Punkt der Machtausübung zur gleichen Zeit ein Ort der Wissensbildung. Und umgekehrt erlaubt und sichert jedes etablierte Wissen die Ausübung einer Macht.“

(aus Michel Foucault: Mikrophysik der Macht)

Philosophen betonen schon seit der Antike die bedeutende Rolle, die Denksysteme und Ideen in der Entwicklung von Gesellschaft und gesellschaftlichen Systemen (d.h. Machtsystemen wie politischem System und ökonomischen System etc.) spielen. Michel Foucault betont die Eigenständigkeit von Prozessen der Konstitution von Wissen und daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Normen und konzipiert durch die Kopplung von Machttechniken, Wissensformen und Prozessen der Subjektivierung einen weiten Begriff der Regierung, der über den etablierten, engeren Begriff der politischen Steuerung weit hinausgeht und als „governmentality“ zu einer Reihe von Untersuchungen auch in der Politikwissenschaft führte. (Lehmke, 31)

„Vom 19. Jahrhundert an wird jeder Gelehrte zum Professor oder zum Direktor eines Laboratoriums. Das heißt, daß die Person des 'freischwebenden' Gelehrten (der keine Funktion ausübt als die, die Wahrheit zu sagen, oder Ratschläge zu erteilen) verschwindet zugunsten desjenigen, dessen Wissen sogleich authentifiziert wird durch die Macht, die er ausübt." (Foucault: 120)

Michel Foucault führt in seinem Buch „Mikrophysik der Macht“ aus, dass etabliertes Wissen Macht und Macht etabliertes Wissen konstituiert. Etabliert ist ein Wissen nach Foucault dann, wenn es von ‚den Mächtigen‘ autorisiert wird. Durch die Institutionalisierung des Wissens (z.B. Einführung staatlicher Bürokratie oder der Schulpflicht) im 19. Jahrhundert wird das Wissen quasi selbst „berechtigt“, Macht auszuüben. Eine besondere Rolle spielt dabei jedoch die Entwicklung der Bürokratie und der „Humanwissenschaften“:

„Die Systematisierung, der institutionelle Charakter dieses Rückbezugs zwischen jedem Agenten der Macht und seinen Vorgesetzten ist ein Phänomen, das in der Geschichte der Macht-Wissen-Beziehungen genauso wichtig gewesen ist wie die doppelte Buchführung in der mittelalterlichen Ökonomie oder die Erfindung des Feed-back in der modernen Technologie. […] Die Statistik ist zu einer Wissenschaft des Staates geworden und wird so etwas wie der Soziologie Platz machen. […] Daß die Souveräne sich mit Pädagogen umgaben, daß die Könige von Philosophen, Gelehrten oder Weisen beraten wurden, das stammt nicht aus dem 19. Jahrhundert. Aber vom 19. Jahrhundert an findet sich das Wissen als solches satzungsmäßig, institutionell mit einer bestimmten Macht ausgestattet.“ (Foucault: 119)

Mit der Etablierung der klassisch-liberalen Philosophie wird die Ausübung der Macht rationalisiert und die herrschenden ökonomischen Ungleichheiten legitimiert. Entscheidend für den Gebrauch des Wissens als Machtinstrument ist dabei das Instrument der Norm. Erst die Norm ermöglicht die Prozesse der Standardisierung und Konzepte des „Normalen“ und der „Normalität“ sowie die Messung der individuellen Abstände zur Norm (Stehr: 31). Max Weber beschreibt, dass die Entwicklung bürokratischer Strukturen zwar „Freiheit und Herrschaft des Individuellen in Anspruch“ nimmt, aber:

„Das Entscheidende bliebe doch: daß diese "frei" schaffende Verwaltung (und eventuell: Rechtssprechung) nicht, wie wir das bei den vorbürokratischen Formen finden werden, ein Reich der freien Willkür und Gnade, der persönlich motivierten Gunst und Bewertung bilden würde. Sondern daß stets als Norm des Verhaltens die Herrschaft und rationale Abwägung "sachlicher" Zwecke und die Hingabe an sie besteht. “ (Weber: S. 565).

Mit der Definition des Normalen innerhalb der Humanwissenschaften entsteht im 19. Jahrhundert eine entscheidende Technik, um Individuen zu kontrollieren bzw. zu dressieren mit dem Ziel der Herstellung von konformen Verhalten. Hierarchisch organisierte Institutionen wie Bildungseinrichtungen, Militär, Werkstätten und später auch Familien werden genutzt, um über ihre Disziplinierungsmechanismen (z.B. Überwachung und Bestrafung) die gewünschte soziale Kontrolle zu gewährleisten. Focault nennt diese Form der Gesellschaft "Disziplinargesellschaft".

Die Einführung wohlfahrtsstaatlicher Reformen in den westlich orientierten Industriestaaten änderte an dem Prinzip der Disziplinargesellschaft zunächst nichts. Die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates nach den beiden Weltkriegen, Veränderungen in der Produktionstechnik weg von hierarchischen Strukturen eines fordistischen Produktionsmodells hin zu postfordistischen Produktionsweisen wie der „lean production“ und die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen ab den späten 1960er Jahren, ließen aber den Sozialstaat mit seiner ausschließlichen Orientierung auf Machttechnologien der Disziplinierung in die Krise geraten. Die subjektivierenden Formen der Kontrolltechnologien wurden von der etablierten Wissenschaft entwickelt und setzten sich im Zuge der Veränderung der Produktionsbedingungen und den Anpassungen staatlicher Sozial-, Bildungs- und Kriminalpolitik durch.

Trotz des Fortbestehens älterer Herrschaftsformen sind Tendenzen der Vorverlagerung sozialer Kontrolle und der Delegation sozialer Kontrolle nach unten im Zuge der neoliberalen Hegemonie unübersehbar. Diese zeigen sich u.a. in den Tendenzen zum Abbau von Arbeitnehmerrechten, euphemistisch bezeichnet als „Flexibilisierung der Arbeitswelt“, der Umgestaltung der Sozialsysteme (z.B. Hartz-Gesetze und Privatisierung sozialer Risiken wie Alter, Invalidität und Krankheit) und den neuen Paradigmen in der Bildungspolitik.

„Was uns als Flexibilisierung angetragen wird, ist tatsächlich ein enormer Schub an Normierung und Standardisierung unter verstärktem Druck von Konkurrenz und den dazugehörigen Ängsten, die bewältigt werden, indem wir andere in der Hoffnung ausschließen (lassen), dass wir dadurch selbst diesem Schicksal entgehen.“ (Stehr: 35)

Die neuen Technologien der Kontrollgesellschaft sorgen weiterhin für eine Stabilisierung und Durchsetzung der gewünschten Verhaltensnormen, die das gleiche Ziel verfolgen, wie die Techniken der Disziplinargesellschaft, nämlich die Individuen ökonomisch nützlich zu machen. Kommt man zu diesem Schluss, liegt es nahe, die Hegemonie der neoliberalen Lehre in Politik und Wissenschaft, mit den Kapitalverwertungsinteressen weltweit zu erklären. Das aber ist wohl ein Zirkelschluss, setzt es doch den Homo oeconomicus bzw. den „Wolf im Menschen“ (Thomas Hobbes: vgl. Schmieder: 356) schon voraus, der damit ja zur Natur des Menschen erklärt würde, was ja heftig und m.E. mit Recht kritisiert wird.

Literatur